In dem Buch „Wenn alles zusammenbricht“ von Pema Chödrön blieb ich an dieser Stelle kleben:
„Tatsächlich erlebt jeder, der an der Grenze zum Unbekannten steht und gleichzeitig ganz in der Gegenwart und ohne Bezugspunkte bleibt, Bodenlosigkeit.“
Die Tränen laufen sofort wieder, während ich das hier reintippe. Die Gefühlswelten, die mit Blick auf die anstehende OP unserer (nun längst nicht mehr so) kleinen Amande auftauchen, sind schwer in Worte zu fassen. Vor allem, weil ich kein Leid schüren will. Und Mitleid hilft uns nicht.
Was bringt das Teilen dann überhaupt, immerhin ist eine so schwere Erkrankung bei Kindern selten. Ich könnte das Ganze hier doch in ein Herzkinderforum tippen. Da sind genug Eltern, die mich verstehen werden.
Oder geht es hier um etwas, was uns alle angeht? Höchstwahrscheinlich. Bodenlosigkeit braucht keine Diagnose aus einer bestimmten Kategorie; sie gibt es nicht nur, wenn man sein Kind an der OP-Schleuse abgeben muss. Um Bodenlosigkeit zu empfinden, braucht es nie viel: „Nur“ den Tod in unmittelbarer Nähe. Logisch, dass wir um diesen Abgrund einen Bogen machen und uns auf festen Grund aufhalten.
„Die Dinge werden sehr klar, wenn es keine Möglichkeit mehr zur Flucht gibt.“ (P. Chödrön)
Wir können uns den Arsch wund meditieren, die wildesten Retreats buchen: Nichts haut mehr rein, als die Begegnung mit dem Tod. Nur die kurze Vorstellung, einen geliebten Menschen loszulassen reicht, um die besagte Bodenlosigkeit zu erahnen. Viele haben mehr als diese Ahnung, weil sie es sich bisher nicht nur vorstellen mussten.
Vor diesem Abgrund stehend, habe ich nur einen Reflex: Gehalten zu werden und einander zu halten. Halt geben. Sich an die Hand zu nehmen und gemeinsam beisammenzustehen. Ich mag das Titelbild sehr. Melli, Amande (in der Trage), Helene, Micky und Leo und ich stehen im Kreis (bei unserem durchgeführten Familien-Seminar auf Gut Alte Heide) und halten einander.
Mir wird vieles in diesen Tagen wieder klarer, wahrscheinlich auch, weil es keine Möglichkeit zur Flucht gibt. Zum Beispiel: Was gibt Halt, wenn man Bodenlosigkeit spürt: Die Menschen um einen herum!
Menschen aus anderen Kulturkreisen fallen schon einmal damit auf, dass sie Krankenhausbesuche gleich mit der ganzen Großfamilie machen – wenn ein Baby zur Welt kommt oder die Oma sich die Hüfte bricht. Das kann den Ablauf stören oder für die Zimmernachbarin nerven. Wir können aber auch was davon lernen, was uns hier und da abhanden gekommen ist: Es ist etwas anderes, ob ich meine Angst (und Freude) teile und ob ich im Kreis stehe und symbolisch von Vielen gehalten werde. Letztlich sind wir mit der Angst vor der Bodenlosigkeit, dem Tod, nämlich alles andere als alleine.
Und so teile ich weiter und freue mich über jedes Gehalten werden – sei es in Gedanken, in Gebeten, in Umarmungen oder in Taten. Vielleicht ist diese Form der Gemeinschaft die schönste Haltung im Leben.



8 comment(s)
Christian Scholz
Hallo Tim, hallo Melli auch ich halte euch mit, lege alles was ich geben kann in eure Hände damit ihr dieses Amande mit auf den […] Read MoreHallo Tim, hallo Melli auch ich halte euch mit, lege alles was ich geben kann in eure Hände damit ihr dieses Amande mit auf den Weg geben könnt für die anstehende, notwendige OP. Ich wünsche euch viel Hoffnung gepaart mit der Zuversicht, das es gut gehen wird und eure starke Amande gemeinsam mit euch noch viele schöne Schritte, Momente und Gemeinsamkeiten erleben wird. Herzliche Grüße Christian Read Less
Rudi Böhler
Meistens bin ich nur der stille Mitleser, aber seit wir uns kennen auch jemand der stets für Euch betet! Durch die angeborene Herzerkrankung meines jüngste […] Read MoreMeistens bin ich nur der stille Mitleser, aber seit wir uns kennen auch jemand der stets für Euch betet! Durch die angeborene Herzerkrankung meines jüngste Enkels, und die vielen Wunder, die ich in diesem Zusammenhang erleben durfte, fühle ich mich sehr mit Euch verbunden. Fühlt Euch von mir gehalten, aber seid sicher, Gott hält Euch auch! Rudi Read Less
Sabine
Liebe Melli, lieber Tim , ich muss immer wieder neu anfangen zu lesen , weil meine Tränen die Schrift unleserlich machen. Ich bin so bei […] Read MoreLiebe Melli, lieber Tim , ich muss immer wieder neu anfangen zu lesen , weil meine Tränen die Schrift unleserlich machen. Ich bin so bei euch und halte euch ganz fest. Read Less
Brita
Lieber Tim und Familie. Wie gut kenne ich dieses Gefühl der Bodenlosigkeit. Die Menschen, die anstatt die Hand zu reichen, die Straßenseite wechseln. Ich reiche euch […] Read MoreLieber Tim und Familie. Wie gut kenne ich dieses Gefühl der Bodenlosigkeit. Die Menschen, die anstatt die Hand zu reichen, die Straßenseite wechseln. Ich reiche euch beide Hände. Ich bete für Amande. ❤️ Brita Read Less
Birgit
Ich bete für Amande. Und Euch alle.
Eule Eickhoff
Lieber Tim! Das Gefühl der Bodenlosigkeit ist furchtbar…. Du hast es sehr treffend beschrieben! Wir alle brauchen Halt und Unterstützung durch echte Menschen - wieviel mehr, […] Read MoreLieber Tim! Das Gefühl der Bodenlosigkeit ist furchtbar…. Du hast es sehr treffend beschrieben! Wir alle brauchen Halt und Unterstützung durch echte Menschen - wieviel mehr, wenn die Bedrohung durch den Tod uns so nahe kommt. Ich schicke euch meine stärksten positiven Gefühle und hoffe, dass Amande auch dieses Mal wieder einen großen Beschützer hat und der Bedrohung trotzt! Bleibt zuversichtlich!!! Eule Read Less
Diana Bergs
Alles wir gut kommen Amande ist ein starkes Mädchen. Wir denken an Euch. Viel Mut und Liebe für 14/8. Gust und Diane
Jorinde
Fühlt euch von mir mit gehalten❣️