„Unsere Gebrochenheit offenbart etwas Wesentliches darüber, wer wir sind. Unsere Schmerzen und Leiden sind nicht einfach lästige Einbrüche in unser Leben; nein, sie rühren uns in unserer Einmaligkeit und innersten Personenkern an.“ Henri Nouwen
Vor genau drei Jahren habe ich aus völliger Hilflosigkeit angefangen Tagebuch zu schreiben. In den Tagen, als wir erfahren haben, dass es einen „Einbruch“ in unserem Leben geben wird: Ein schwer krankes Kind. Das o.g. Zitat habe ich auf den ersten Seiten notiert. Nichtsahnend, wie viel Schmerzen und leidvolle Gedanken auf den nächsten Seiten noch folgen sollten.
Und zugleich ahnungslos, wie wesentlich uns dieser kleine Mensch anrühren sollte, wie sehr wir auf diese Weise unserem innersten Personenkern begegnen werden. Nun lebt sie in ihrer kleinen einmaligen Gebrochenheit mitten unter uns. Ein Geschenk in jeder Hinsicht.

Wenn ich heute diese ersten Tagebucheinträge lese, berührt mich vor allem eines: Wie sehr ich in der Versuchung war, die Zukunft zu kontrollieren. Zwischen den Zeilen steht immer wieder dieselbe Frage: Wie soll das gehen? Wie sollen wir das schaffen? Wie wird unser Leben aussehen? Werden wir glücklich sein können? Werden wir die Kraft haben, mit all dem umzugehen?
Damals schien es, als hinge die Antwort auf diese Fragen von den äußeren Umständen ab. Von Diagnosen, Prognosen und medizinischen Möglichkeiten. Als müssten wir erst wissen, was auf uns zukommt, um Frieden finden zu können.
Doch das Leben hatte etwas anderes mit uns vor. Es gab keine Gewissheit. Es gab keine Garantie. Und es gab vor allem keinen Punkt, an dem plötzlich alles gut wurde. Stattdessen wurden wir immer wieder eingeladen, genau dort zu sein, wo wir gerade waren.
In der Angst.
In der Hoffnung.
In der Trauer.
In der Liebe!
Amande hat uns nicht nur mit ihrer Krankheit konfrontiert. Sie hat uns mit uns selbst konfrontiert. Mit unserer Ohnmacht. Mit unserem Bedürfnis nach Kontrolle. Mit unseren Vorstellungen davon, wie ein gutes Leben auszusehen hat. Oder anders gesagt: Vielleicht hat sie uns nicht mit ihrem Herzfehler konfrontiert, sondern mit unseren!?
Und so immer wieder auch mit der Frage, ob wir bereit sind, das Leben anzunehmen, das tatsächlich vor uns liegt, statt das zu betrauern, das wir uns vorgestellt hatten. Rückblickend erscheint mir das Wort „Einbruch“ deshalb heute in einem anderen Licht. Ja, etwas ist eingebrochen. Unsere Pläne. Unsere Sicherheiten. Viele Selbstverständlichkeiten. Aber gleichzeitig wurde auch etwas aufgebrochen. Etwas Weiches unter all den Schichten von Erwartungen und Vorstellungen.
Vielleicht ist das das Paradoxe am Leid: Es nimmt uns etwas weg und schenkt uns zugleich die Möglichkeit, tiefer zu sehen. Nicht weil Schmerz an sich etwas Gutes wäre. Niemand würde sich ihn wünschen. Aber weil wir manchmal erst dort, wo unsere gewohnten Antworten nicht mehr tragen, mit den wirklich wichtigen Fragen in Berührung kommen.
Drei Jahre später wünsche ich mir den Schmerz nicht zurück. Und doch möchte ich die unfassbar wichtigen Begegnungen, die er ermöglicht hat, nicht missen. Die Begegnung mit Menschen, die uns getragen haben. Die Begegnung mit einer Liebe, die größer war als unsere Angst.
Vielleicht sieht man uns es heute an, dass wir Menschen sind, die gelitten haben?
Bestimmt aber spürt man die Liebe, die in uns gewachsen ist.



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